Sinngeschichten
Singe, wem Gesang gegeben ....
Samstag Mittag in einer größeren Stadt Deutschlands. Einkäufe in meiner rechten Hand balancierend, an der linken die Leine mit Toby, meinem süssen kleinen Terrier-Wuschel-Mischling, stehe ich auf der Rolltreppe zur U-Bahn. Schon ganz oben wehen seltsame, ungewohnte Laute aus dem Untergrund herauf. Beim Näherkommen entpuppt sich als deren Quelle eine grosse Frau, Typ Wagnersängerin. Sie stapft den Bahnsteig rauf und runter und singt mit Hingabe und beachtlichen Decibel: "My bony is over the ocean, my bony is over der sea." Ich reihe mich in die Wartenden ein, neben eine junge Frau mit einem Push-Car, darin ein etwa 1-jähriger Wonneproppen. Dem Kleinen werden offenbar die schrillen Töne zu viel, jämmerlich verzieht er sein Gesichtchen und fängt aus gesunden Lungen zu schreien an. Ich merke, wie Toby seinen Kopf reckt - da kann er doch nicht zurückstehen! - Nein Toby, Du nicht auch noch! Ich lasse meine Einkäufe fallen, hebe Toby hoch und halte ihm das Schnäuzchen zu. "Lassen Sie sofort Ihren Hund los, Sie Tierquälerin!" zischt es in mein linkes Ohr - Ein junges Mädchen funkelt mich böse an. Vor Schreck lasse ich Toby fallen. Der setzt sich in Positur, macht einen langen Hals und stimmt ein in das Konzert. Was für ein Terzetto infernale! Ich spüre ein Kitzeln im Zwerchfell, es steigt unwiderstehlich höher, bis ich losprusten und laut lachen muss. Neben mir fängt die junge Mutter an erst zu kichern, dann zu lachen, das tierschützende Mädchen vergißt seinen gerechten Zorn und stimmt auch ein. Das Lachen verbreitet sich in Windeseile über den ganzen Bahnsteig und vermischt sich mit Gesang, Geschrei und Geheul. Als die Walküre zum Ende kommt und mit molto sentimento "and bring back by bony to meeeeeee!" singschluchzt, fährt die Stadtbahn ein. Der Fahrer streckt den Kopf aus dem Fenster und macht grosse Augen: Ja was ist denn das? Ein heiliger Samstag in Deutschland, ein Bahnsteig voller Leute und alle lachen!
© Lilo Keller
Miragesoul - 20. Mär, 08:30
Das Wertvollste...
Es war schon eine Weile her, seit René den alten Mann zuletzt getroffen hatte.
Das Studium, Frauen, die Karriere - René war aus seinem Heimatort weggezogen und lebte heute am anderen Ende der Republik. René hatte wenig Zeit, um über Vergangenes nachzusinnen, manchmal fehlte ihm sogar die Zeit für seine Frau und seinen eigenen Sohn. Er arbeitete an seiner Zukunft und nichts konnte ihn davon abbringen.
Eines Tages erhielt er einen Anruf seiner Mutter.
Sie erzählte ihm, dass Herr Belser am Abend zuvor gestorben war, und dass die Beisetzung am darauf folgenden Mittwoch stattfinden sollte.
Erinnerungen tauchten auf und René saß still da, und erinnerte sich an seine Kindheit.
"Hast du gehört, was ich dir gesagt habe?" fragte seine Mutter.
"Aber ja, sicher", antwortete René, "ich habe lange nicht mehr an ihn gedacht - um ehrlich zu sein:
ich dachte, er sei schon seit einigen Jahren tot."
"Nun, aber er hat dich nicht vergessen.
Immer, wenn ich ihn sah, fragte er nach dir.
Er schwärmte von den vielen Stunden, die du damals bei ihm drüben verbracht hast,
'auf seiner Seite des Zauns', wie er es nannte", fuhr seine Mutter fort.
"Das alte Haus, in dem er lebte, war einfach genial", sagte René.
"Weißt du, als dein Vater starb, kam Herr Belser vorbei und meinte, es sei sehr wichtig, dass es auch einen männlichen Einfluss in deinem Leben geben sollte," sagte Renés Mutter.
"Ja, er hat mir viel beigebracht.
Ohne ihn hätte ich meinen heutigen Beruf nie erlernt.
Er hat sehr viel Zeit damit zugebracht, mir alles zu vermitteln, was er für wichtig hielt.
Ich werde zur Beerdigung kommen."
Obwohl er sehr unter Termindruck stand, hielt René sein Versprechen.
Er nahm den nächsten Flug in seine Heimatstadt.
Die Beisetzung des Herrn Belser war sehr schlicht.
Er hatte keine eigenen Kinder und die meisten seiner Verwandten waren längst verstorben.
Am Abend vor seinem Rückflug besuchte René mit seiner Mutter noch einmal das alte Haus, in dem Herr Belser all die Jahre gelebt hatte.
Er blieb auf der Türschwelle stehen.
Es war wie eine Zeitreise, als öffnete sich eine andere Dimension.
Das Haus war genau so, wie René es in Erinnerung hatte.
Jeder Schritt, den er darin machte, weckte längst vergessene Erinnerungen.
Jedes Bild, jedes Möbelstück erzählte Geschichten. René hielt abrupt inne.
"Was ist los?" fragte seine Mutter.
"Die kleine Schatulle ist weg!" antwortete René.
"Welche Schatulle?"
"Es gab eine kleine goldene Schatulle, die er immer verschlossen hielt - sie stand immer hier auf dem Schreibtisch. Ich habe ihn bestimmt tausend Mal gefragt, was drin ist. Aber er sagte nur immer: das, was mir am wertvollsten ist."
Die Schatulle war fort. Alles andere im Haus war genau so, wie René es in Erinnerung hatte. Alles bis auf die Schatulle. René vermutete, dass ein Familienangehöriger diese Schatulle mitgenommen haben musste.
Traurig sagte er: "Nun werde ich niemals erfahren, was für ihn am wertvollsten war."
René war müde, also kehrte er mit seiner Mutter zurück nach Hause und flog am nächsten Tag zurück in seine Wahlheimat.
Etwa zwei Wochen nach Herrn Belsers Tod fand René einen Benachrichtigungschein in seinem Briefkasten.
Der Postbote hatte ihn nicht angetroffen und das Päckchen wieder mitgenommen.
Als René ganz früh am nächsten Morgen zum Postamt fuhr, überreichte ihm der Schalterbeamte ein Päckchen, das so aussah, als sei es hundert Jahre unterwegs gewesen. Die Handschrift des Absenders war kaum zu entziffern, doch schließlich erkannte René die Absenderanschrift: Harald Belser.
René setzte sich ins Auto und atmete tief durch, bevor er das Päckchen öffnete.
Zum Vorschein kamen die goldene Schatulle und ein Briefkuvert.
Renés Hände zitterten, als er die Notiz las:
"Bitte übergeben Sie nach meinem Tod diese Schatulle mit Inhalt an René Benoit.
Sie enthält das, was mir in meinem Leben am wichtigsten war."
Ein kleiner goldener Schlüssel klebte auf dem Brief.
René standen die Tränen in den Augen und sein Herz raste, als er den Schlüssel nahm, und die Schatulle öffnete.
Sie enthielt eine wunderschöne goldene Taschenuhr.
Renés Finger glitten über das wunderbar gearbeitete Gehäuse.
Der Uhrdeckel sprang auf. Darin standen die eingravierten Worte:
"René, vielen Dank für deine Zeit! - Harald Belser"
"Meine Zeit war es, die ihm am wertvollsten war!"
René hielt die Uhr eine ganze Weile in der Hand, bevor er zum Handy griff und im Büro anrief.
Er sagte alle Termine für die kommenden beiden Tage ab.
"Aber warum denn das?" fragte seine Sekretärin irritiert.
"Ich möchte ein wenig Zeit mit meinem Sohn verbringen", antwortete René.
"Ach, und übrigens: vielen Dank für Ihre Zeit."
Es ist nicht die Anzahl an Jahren, die den Wert unseres Lebens ausmachen,
sondern die Qualität und Intensität, mit der wir es leben.
Miragesoul - 6. Mär, 09:41
Das schönste Herz ...
Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt
und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe, ...
eine große Menschenmenge versammelte sich
und sie alle bewunderten sein Herz,
denn es war perfekt.
Es gab keinen Fleck oder Fehler an ihm.
Ja, sie alle gaben ihm recht, ...
es war wirklich das schönste Herz,
was sie je gesehen hatten, ...
der junge Mann war sehr stolz
und prahlte
lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte:
"Nun, Dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines!"
Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an, ...
es schlug kräftig, aber es war voller Narben, ...
es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren, ...
aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken, ...
genauer gesagt waren an einigen Stellen tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten.
Die Leute starrten ihn an:
'Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner? ' dachten sie, ...
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte:
"Du musst scherzen", sagte er,
"Dein Herz mit meinem zu vergleichen,
... meines ist perfekt und Deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen."
"Ja", sagte der alte Mann,
"Deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen, ... jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe, ... ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt, ... aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie mich an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat, ... das sind die leeren Furchen, ...
Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen, ... Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde, ... und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden, ... erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen, ...
er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus, ... er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an.
Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz, ... er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde des jungen Mannes Herzen, ...
es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
Der junge Mann sah sein Herz an, ...
nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen.
Sie umarmten sich und gingen weg,
Seite an Seite.
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Dies ist eine meiner Lieblings-Sinngeschichten ;-)
Miragesoul - 30. Mai, 16:25
Die Traurigkeit und die Hoffnung
Heute haben wir höhere Gebäuden und breitere Strassen,
aber kürzere Launen und engere Standpunkte.
Wir geben mehr aus,
aber geniessen weniger.
Wir haben grössere Häuser,
aber kleinere Familien.
Wir haben mehr Kompromisse,
aber weniger Zeit.
Wir haben mehr Wissen,
aber weniger Urteilungsvermögen.
Wir haben mehr Medizin,
aber weniger Gesundheit.
Wir haben unseren Besitz vervielfacht,
aber den Wert reduziert.
Wir reden viel, lieben nur ein wenig, und hassen zu sehr.
Wir haben den Mond erreicht und doch wir tun uns
schwer die Strasse zu überqueren, um unseren
Nachbarn zu besuchen.
Wir haben das äussere Universum erobert,
aber nicht unser Inneres.
Wir haben höhere Einkommen,
aber weniger Moral.
Wir haben mehr Freiheiten,
aber weniger Freude.
Wir haben viel mehr zu essen,
aber zuwenig Ernährung.
Wir brauchen zwei Einkommen für ein Heim,
aber die Zahl der Scheidungen steigt.
Wir haben schönere Häuser,
aber mehr zerrüttete Heime.
Desshalb schlage ich vor:
Bewahre nichts für einen speziellen Anlass,
denn jeder Tag, den Du lebst ist ein spezieller Anlass.
Suche nach Wissen, lies mehr, sitze auf Deiner Veranda und bewundere was
Du siehst, ohne Deinen Bedürfnissen Aufmerksamkeit zu schenken.
Verbringe mehr Freizeit mit Deiner Familie und Deinen Freunden, iss Deine Lieblingsspeisen, besuche die Orte die Dir gefallen und wo es Dir wohl ist.
Das Leben ist eine Kette von Momenten der Genüsse;
nicht nur des Überlebens.
Brauche Deine kristallenen Gläser.
Spare Dein bestes Parfüm nicht auf.
Brauche es täglich, wenn Du Dich danach fühlst.
Streiche aus Deinem Wortschatz Worte wie "eines Tages" und "irgendwann".
Lass uns den Brief schreiben, den wir schon längst schreiben wollten
"eines Tages".
Lass uns der Familie und den Freunden sagen,
wie sehr wir sie lieben.
Verschiebe nichts, was Deinem Leben Gelächter
und Freude bringt.
Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist speziell.
Und Du weißt nicht, ob es Deine letzte gewesen ist.
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lieben Gruß
Miragesoul
Miragesoul - 30. Mai, 14:50